Wir liegen sicher im Hafen von Calheta.
Im Vergleich zu den Mietpreisen für ein Auto am Flughafen Funcal, sind die Mietpreise für ein Auto in Calheta doppelt so teuer. Also mit dem Taxi zum rund 70 km entfernten Flughafen fahren und dort ein Auto mieten.
Jetzt sind wir für fünf Tage mobil und unabhängig, denken wir zumindest.
Unser erster Stopp ist der Vorort Monte, hoch über Funchal, bekannt für den botanischen Garten und die Korbstuhlfahrten hinab nach Funchal.
Es ist voll. Alles beginnt mit der Parkplatzsuche, ein übler Zeitfresser, der uns auf der Insel stetig begleitet. Wir sind im Tourismus angekommen. Eine Seilbahnfahrt hinunter nach Funchal bringt uns noch tiefer in den Massentourismus.
Es geht zurück nach Calheta, Reinhard kocht und wir planen die nächsten Tage.
Die Insel Madeira verfügt über ein gut ausgebautes Straßennetz, viele Tunnel, zwei Passstraßen verbinden die Nord- und Südküste, damit lässt sich gut planen.
Unsere erste Fahrt geht von Calheta über den Pass von Eucumeada (1007 m) zur Nordküste, wir folgen der Küstenstraße bis zur Nordspitze Porto Moniz mit den bekannten Naturbadebecken. Es ist zum Bersten voll, keine Parkmöglichkeiten, Autoschlangen quälen sich durch den kleinen Ort. Zurück geht es über die Hochebene Paul de Serra (1500m) im Westen der Insel. Beindruckende Ausblicke lassen die Autoschlangen und begrenzten Parkmöglichkeiten für einen Moment vergessen.
Jetzt wollen wir die hohen Berge im Süden der Insel erleben. Vorher ein Stopp am Skywalk des Cabo Girão, 580 m über dem Wasser. Dann quält sich der Wagen am zweiten Tag die vielen Serpentinen nach Curral das Freiras hoch. Eine alte Passstraße, die an ihrem Ende auf 633 m einen fantastischen Blick auf das „Nonnental“ bietet. Den Nachmittag lassen wir in Funchal ausklingen, die Markthalle ist unser Ziel. Diese entpuppt sich jedoch als ein massig gefüllter Touristentempel, es reicht für einen Espresso und anschließend schnell zurück nach Calheta. Parkplatzsuche.
Am dritten Tag wollen wir noch höher hinaus. Schon bei unserer ersten Überquerung der Insel von der Süd- zur Nordküste beeindruckten uns die starken Klimaunterschiede: Während der Süden trocken ist und sich nur der klare blaue Himmel zeigt, gerät man auf dem Weg über die Passhöhen in den Norden in Regenwolken und dichte Wälder. Dort ist es neblig und feucht. Jetzt geht es über die Passhöhe Poiso (1413m) hoch hinauf zum Pico do Arieiro auf 1818m. Wir fahren ab Poiso im dichten Nebel, sehen nichts, oben bläst ein kalter Wind bei 14 Grad Außentemperatur.
Es zieht uns zurück in den warmen Süden mit einem kurzen „Boxenstopp“ bei einem gut sortierten Bootsausrüster. Ein neues Spifall wird gekauft, jetzt muss es nur noch eingezogen werden. Eine Arbeit, die wir schon seit Tagen vor uns herschieben. Wer kurbelt wen hoch?
Uns bleibt noch ein ganzer Tag. Ich möchte unbedingt die Levadas erkunden – ein über Generationen entwickeltes System offener Bewässerungskanäle, das sich vor allem durch den Norden der Insel zieht. Das gesamte Kanalnetz soll rund 3.000 Kilometer lang sein. Es fängt das Wasser im regenreichen Norden auf und leitet es in den trockenen Süden. Entlang der Levadas verlaufen Wanderwege mit verschiedenen Einstiegen. Die Kanäle weisen meist nur ein geringes Gefälle auf, folgen Tälern und Berghängen, führen teilweise durch Tunnel und kreuzen natürliche Wasserläufe.
Auf diese Idee sind an diesem Tage auch sehr viele andere Besucher der Insel gekommen.
Die Polizei regelt den Verkehr, die Tourismusbehörde regelt den Ticketverkauf (!) für die Wanderwege, manche Zustiege werden wegen des Besucherandrangs gesperrt, ohne gebuchten Guide ist kaum ein Durchkommen. Alles kostet, nicht nur Geld.
Wir umfahren die „hotspots“, unser Auto schraubt sich eine einspurige Passstraße im Norden der Insel nach Queimadas hoch. Manövrieren auf engem Raum, viel Verkehr, nicht alle Fahrer beherrschen es, am Berg zu fahren, es ist eine spannende Fahrt.
Natürlich ist es auch hier sehr voll. Schließlich finden wir einen Parkplatz, und ich stapfe endlich entlang einer Levada durch den vom Dauerregen aufgeweichten, modrigen Waldboden.
Mein Ziel ist erreicht: Wenigstens eine Levada habe ich erkundet. Doch nun wartet noch das Spifall darauf, eingezogen zu werden. Am Morgen hatte Reini im Supermarkt zwei junge Männer aus Westfalen angesprochen, ihnen vom Problem der beiden älteren Herren mit dem gerissenen Fall erzählt und sie um Hilfe gebeten. Die beiden sind mit alten Schulfreunden auf Wandertour. Reini und ich sind jedoch unsicher: War ihr Hilfsangebot wirklich ernst gemeint?
Tatsächlich kommen am Abend sieben Jungs aus Westfalen auf die Wilma. Sie winschen den Mutigsten von ihnen, Vincent, in den Mast hinauf und fädeln das Spifall ein. Reini und ich sind sehr erleichtert. Geld wollen die Jungs nicht: Für sie war es eine Ehre und eine Freude, zwei alten Seglern einfach zu helfen.
Danke Jungs, Eure spontane Hilfeleistung ist jetzt schon Steggespräch auf Las Palmas.
Ihr habt uns eine große Freude gemacht.
Ich fahre das Leihauto zum Flughafen und warte dort auf Anette und Günther, die uns Ersatzteile für unser Segellattensystem aus Lübeck mitbringen. Das war auch klasse. Die beiden verfolgen unseren Segeltörn, machen jetzt einen Tauchurlaub auf Madeira und denken an uns. „Braucht ihr was???“ „Ja, unbedingt!“ Eine Lattenaufnahme ist herausgebrochen, Sandra und Volker Martel bestellen sofort die Ersatzteile, die Transportkette funktioniert: Vincent bringt die Teile zu Anette und Günther nach Bad Schwartau, Landung in Madeira und glückliches Treffen mit dem jetzt entspannten Skipper der Wilma. Dieses Ersatzteil hätte ich hier nie gefunden. Danke!!!
Die Rückfahrt nach Calheta hält für mich noch einen letzten Höhepunkt bereit. Grüße an meine Kinder: Der Alte hat jetzt auch die Uber-App – und ist begeistert.
Leider kann ich mein ausgedehntes Gespräch mit dem Uber-Fahrer nicht wortgetreu wiedergeben. Von Küchenbau und Elektrogeräten ging es über Amazon-Auslieferungen in Straubing zu Hummerzubereitungen und Eintopfgerichten mit Espada. Nach 70 Kilometern endete die Fahrt viel zu früh – dabei waren wir noch gar nicht bei Schwertfischrezepten angekommen. Einfach großartig.
Die Wilma ist ein glückliches Schiff – und wir sind es ebenfalls. Obwohl wir unsere Wohlfühlzone im SVT verlassen haben, wiegen die vielen neuen Eindrücke und Erlebnisse das Heimweh auf.
Für die nächsten Berichte hat Georg Wünsche geäußert.
Georg, ich versuche, deine Wünsche umzusetzen. Wir freuen uns, dass ihr alle unsere Reise mit so großem Interesse verfolgt.
Eure Wilmacrew
Standort Calheta, 23.09.2026
